Gauck über Schabowski: Höchstpersönlich unterdrückt
Bundespräsident Gauck: Nicht gerade sehr mitfühlend für einen Pastor
Bundespräsident Joachim Gauck
hat eine ganz neue Form der Ehrung eingeführt: Der verstorbene frühere
SED-Funktionär Günter Schabowski gehört jetzt ganz offiziell zum "Kreis
seiner Unterdrücker".
Bundespräsidenten haben die schöne Aufgabe, Menschen ehren zu dürfen.
Sie verteilen Verdienstkreuze, am Bande oder nicht am Bande. Wer das
Präsidialamt besucht - oder wenigstens dessen Homepage - kann sich das
hübsche Sortiment anschauen, über dessen Verteilung eine Ordenskanzlei
wacht.
Seine Majestät Joachim Gauck
hat nun eine neue Form der Ehrung eingeführt, eine, die allerdings
nicht gerade zur Ehre gereicht: die Aufnahme Verstorbener in den "Kreis
seiner Unterdrücker", eine Art Un-Ehrenlegion also. Dem früheren
SED-Funktionär Günter Schabowski wurde als erstem diese bislang unbekannte Form der Herabwürdigung zuteil, postum.
Joachim Gauck hat Schabowskis Witwe dies schriftlich wissen lassen.
Ihr verstorbener Mann habe zum - Gauck wörtlich "Kreis meiner
Unterdrücker" - gehört. Das ist zum einen nicht gerade sehr mitfühlend
für einen Pastor. Andererseits: ein Brief vom Staatsoberhaupt ist besser
als nix oder nur gewöhnliche Nachrufe in der Zeitung.
Günter Schabowski: Der Mann mit dem Zettel
Außerdem macht es sehr neugierig, wer noch alles zu diesem
Unterdrückerkreis gehört hat. Man könnte bei der Gauck-Behörde, die nun
nicht mehr so heißt, nach solch einem Kreis forschen lassen, von dem
bislang nichts bekannt war, was nichts heißen muss, denn vieles kommt
erst ganz, ganz spät raus, daher kommt ja die Bezeichnung Geheimdienst.
Schöner wäre es natürlich, wenn sich jetzt, wo der Kreis zur
Unterdrückung Joachim Gaucks aufgeflogen ist, auch einige freiwillig
melden würden, der Gysi etwa. Vielleicht so: Herr Bundespräsident, melde
mich freiwillig in den Kreis ihrer Unterdrücker und bitte um...
Das Präsidialamt könnte auch - mit Rücksicht auf das Alter möglicher
Kandidaten - Vordrucke rausschicken, auf denen man einfach ankreuzen
kann, von wann bis wann man dem Kreis angehört hat und wie man Gauck
unterdrückt hat.
Das ist alles besser, als wenn es erst später rauskommt, durch so ein Kondolenzschreiben.
Zum Autor
Stefan Berg, 1964 in Ost-Berlin geboren, ist seit 1996 beim SPIEGEL.
Seine Laufbahn als Journalist begann er bei Kirchenzeitungen in der DDR.
E-Mail: Stefan_Berg@spiegel.de